Von Häusern und Individualsoftware

Entwickelt man wie wir Softwarelösungen, so steht vor Beginn von Projekten zunächst der Nutzen für den Kunden im Mittelpunkt. So soll es ja auch sein. Irgendwann muss man jedoch über Budgets und damit Geld sprechen, also auch den Aufwand schätzen,...

Entwickelt man wie wir Softwarelösungen, so steht vor Beginn von Projekten zunächst der Nutzen für den Kunden im Mittelpunkt. So soll es ja auch sein. Irgendwann muss man jedoch über Budgets und damit Geld sprechen, also auch den Aufwand schätzen, der für die gewünschte Individualsoftware voraussichtlich anfallen wird.

In den meisten Fällen hat man zu diesem Zeitpunkt bereits viel über Anforderungen und Möglichkeiten gesprochen, Teile der Lösung gemeinsam erdacht und die richtige Technologie ausgewählt. Häufig sind die Details der Software trotzdem noch nicht so klar definiert, dass einfach eine Schätzung erstellt werden könnte. Die Gründe sind vielfältig und liegen meistens an den typischen Merkmalen von Individualsoftware und entsprechenden Projekten.

Häufig wurde die erdachte Lösung noch nie oder zumindest in der geplanten Form bisher nicht umgesetzt. Das kann an den dahinter stehenden, sehr speziellen Geschäftsmodellen liegen. Oder es geht um neue Wege und Methoden, die abgebildet werden sollen. Gerne werden auch schwer überblickbare, vorhandene Software-Landschaften und Umgebungen Teil der Herausforderung. Oder der Relaunch einer Software ist so ehrgeizig, dass von der alten Lösung nichts übrig bleibt. Häufig treibt auch die Technik an sich die Unsicherheit im Projekt. Brandneue Technologien sollen eingesetzt, bisher nie benutzte Programm-Bibliotheken genutzt oder neue Standards implementiert werden.

Dieses grundsätzliche Problem den Aufwand einschätzen zu müssen, damit der Auftraggeber Entscheidungen (Was wird umgesetzt und was nicht?) treffen kann und gleichzeitig so viele Unbekannte zu haben ist ein Dilemma. Es ist außerdem der Grund für die Relevanz und den Erfolg von Agilen Methoden und beispielsweise des Scrum-Frameworks. Man akzeptiert bei diesen, dass man die Lösung nicht vollständig vorab definieren kann, dass Software-Projekte zu dynamisch für vollständige Planung sind, dass es die Blaupause für die zu entwickelnde Software nicht gibt oder noch genauer nicht geben sollte.


Trotzdem – natürlich – kommt immer wieder die eine Frage: Wie aufwendig wird es denn nun? Wenigstens ungefähr. Na kommen Sie, das kann doch so schwer nicht sein! Sie machen das doch nicht zum ersten Mal und außerdem: Wenn ich ein Haus kaufen wollte, dann kann mir die Baufirma ja auch einen Preis nennen!

… Zack. Es ist passiert: Der Software-Architekt wird zum „richtigen“ Architekten. Die Software zum Haus, der Entwickler zum Maurer oder Tischler oder sogar Schreiner. Oder was auch immer sich der Mensch, der diesen Vergleich anstellt, vorstellt. Seit Jahren frage ich mich: Warum kommt man ständig, gerade wenn man mit nicht technischen Entscheidern spricht, gerne beim Kaffee mit Geschäftsführern, immer wieder auf diesen einen Vergleich? Vielleicht haben Menschen in dieser Position meistens schon einmal ein eigenes Haus gebaut. Oder der Vergleich ist für viele einfach naheliegend.

Aber ist er auch gut? In der Vergangenheit haben wir uns immer wieder in die Untiefen solcher Diskussionen gewagt. Das wird schnell unübersichtlich, manchmal auch amüsant. Selten ist man danach jedoch schlauer. Die Argumente sind immer die gleichen: „Wenn Sie einen Architekten beauftragen plant auch der zunächst und wird dafür bezahlt. Wir könnten für Sie auch zunächst weiter nur planen, also die Konzeption der Software von der Umsetzung trennen. Aber das wäre nicht besonders agil. Das wäre ein Wasserfall-Modell und das funktioniert bei komplexen Software Projekten erfahrungsgemäß nicht.“ „Aber Häusern sind doch auch komplex. Wenn nicht komplexer. Software sind ja nur Nullen und Einsen. Da fehlt doch die „Hardware“ völlig. Außerdem kann man auch Häuser zu einem Festpreis kaufen, warum können Sie mir also keinen Preis nennen?“

Vielleicht kennen Sie selbst eine solche Situation. Egal auf welcher Seite Sie saßen: Bestimmt wurde man sich nicht einig, wie man den Vergleich ziehen sollte und ob man beides überhaupt vergleichen kann.


Eigentlich kann man die Frage jedoch beantworten, ohne den Vergleich überhaupt anzustellen. Wird ein Haus gebaut, so sind die Kosten zu Beginn des Projektes nämlich ähnlich wie in Softwareprojekten recht unklar. Bei Bauprojekten wird am Anfang daher zunächst mit Schätzungen auf Basis von Quadratmeterpreisen begonnen. Die Kosten, die ein Architekt für für die Planung, also die Projekt-Phase in der in einem Bau-Projekt ebenso viel Unsicherheit herrscht wie in einem Software-Projekt, abrechnen kann, ergeben sich Schrittweise und sind in Deutschland in der HOAI, der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure geregelt. Das Honorar des Architekten ergibt sich auf Basis der Baukosten und der sogenannten Honorarzone, die die Komplexität der Planungsanforderungen abbildet.

Zu Beginn eines Bauvorhabens sind die Baukosten und damit das Honorar unbekannt. Sie ergeben sich erst schrittweise in den Leistungsphasen. Dieses Leistungsphasen sind fest durch die HOAI vorgegeben:


  1. Grundlagenermittlung
  2. Vorplanung
  3. Entwurfsplanung
  4. Genehmigungsplanung
  5. Ausführungsplanung
  6. Vorbereitung der Vergabe
  7. Mitwirkung bei der Vergabe
  8. Objektüberwachung (Bauüberwachung oder Bauoberleitung)
  9. Objektbetreuung und Dokumentation


Die Kosten des Bauvorhabens werden in in der Vorplanung zunächst nur geschätzt, als Methode dient die daher so benannte Kostenschätzung. Diese spielt beim Honorar später keine Rolle mehr, dient aber der Abrechnung der Leistungen durch den Architekten bis im nächsten Schritt die Kostenberechnung durchgeführt wird. Diese ist Teil der dritten Leistungsphase, der Entwurfsplanung. Es folgen später der Kostenanschlag in der Mitwirkung bei der Vergabe und die Kostenfeststellung in der Objektüberwachung.

Was bringt uns an dieser Stelle die lange Erklärung wie Architekten-Honorare berechnet werden? Sie zeigt wie spät in Bauprojekten eigentlich erst die Kosten feststehen. Trotzdem muss der Bauherr vorher und zu jeder Zeit die Entscheidung treffen, ob das Projekt begonnen oder fortgeführt wird. Damit geht die Idee hinter dem Vergleich „Häuser und Software“, nämlich dass für beide vor Beginn eines Projektes ein Preis feststellbar sein sollte, eigentlich nach hinten los.

Gerade in größeren Software-Projekten ist es auch üblich mit Kostenindikationen und ähnlich in Schritten den Preis zu ermitteln. Dann befassen sich jedoch auf beiden Seiten meistens Personen mit diesen Fragen, die die Materie kennen. Wir waren hier jedoch beim Entscheider, der Wissen über sein Geschäft, jedoch nicht über Software-Engineering mitbringt und vielleicht deshalb gerne den Vergleich mit Bauprojekten anstellt.

Lässt sich dieser auch mit der HOAI nicht davon überzeugen, dass es mit den Häusern meistens ebenso schwierig, wie mit Software ist und beharrt weiterhin darauf, dass er aber ein Haus für einen festen Preis kaufen kann und dies nun mit seiner neuen Individualsoftware vorhat, muss man klar machen, dass Äpfel mit Birnen verglichen werden. Denn natürlich kann man auch eine Software zu einem festen Preis kaufen, wenn diese bereits geschrieben wurde, ebenso wie man ein Haus, dass schon steht zu einem festen Preis kaufen kann. Bei beiden kann man später noch anpassen – der passende Euphemismus heißt bei Software Customization. Es bleibt aber grundsätzlich die gleiche Software bzw. das gleiche Haus.

Außerdem muss man die richtigen Gebäude-Arten mit den richtigen Software-Arten vergleichen. Nehmen wir das Fertighaus. Also eines, dass man nach einem Musterhaus kauft. Dafür kann ein fast genauer Preis genannt werden.

In der Software-Welt entspricht das Fertighaus wohl am ehesten einer Website, die mit einem Website-Baukasten erstellt wird. Auch wenn eine solche Website mit dem Web-Frontend einer Software durchaus Ähnlichkeiten hat, ist dies natürlich nicht das Projekt über das man im Rahmen von Individualsoftwareentwicklung spricht. Schon eher relevant ist dagegen der Vergleich mit einem Einfamilienhaus. Die Entsprechung ist beispielsweise eine CMS-Lösung. Hier sind viele Strukturen bereits vorgegeben, wie groß die Zimmer werden und wo die Fenster hinkommen, kann man sich jedoch aussuchen. Eines haben CMS-Systeme oder auch manche Portallösung stets gemeinsam: Ihr Zweck, ihre Nutzung ist immer ähnlich und meistens simpel. Genau wie bei einem Einfamilienhaus. Ein Wohnzimmer, Schlafzimmer, zwei Kinderzimmer, zwei Bäder. Vielleicht noch eine Garage. Oder doch besser ein Carport?

Also ist Individualsoftware, die mehr macht als Inhalte verwalten, zu editieren und darzustellen (was schon sehr komplex werden kann) auch kein Einfamilienhaus.

Ein besserer Bauprojekt-Vergleich für eine Individualsoftware könnte daher der Ausbau einer Universität oder eines Forschungsinstituts mit einem neuen Labor-Trakt sein. Sagen wir für Biochemiker. Das ist schon vom Kontext passender als ein Einfamilienhaus, da die Nutzung professionell statt privat motiviert ist. Ein Labor wird wohl kaum dem anderen gleichen. Natürlich gibt es auch hier wiederkehrende Mustern – in Enterprise Software gibt es ebenso Pattern – die jedoch sehr individuell und auf komplexe Art und Weise kombiniert werden müssen.

Nach oben (in der Projektgröße) zieht der Vergleich auch immer besser. Der Bau der Elphilharmonie in Hamburg und andere große Infrastrukturprojekte oder der Neubau eines Chemiewerks sind in Ihrem Komplexitätsgrad sicherlich mit Softwaregroßprojekten zu vergleichen.

Allerdings sind unsere Projekte bei Taktsoft nicht so groß, als dass wir dazu wirklich etwas sagen könnten. Wer sich dafür näher interessiert, dem sei das Buch „Megaprojects and Risk: An Anatomy of Ambition” empfohlen (Wikipedia).


Um bei diesem Vergleich hier auch nichts zu vergessen, soll natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass wir Software-Entwickler und Architekten schon den Namen Architektur oder Begriffe wie Pattern von den richtigen Architekten übernommen haben.


Mit den hier vorliegenden Argumenten sollte hoffentlich Ihre nächste Diskussion über „Häuser und Individualsoftware“ schnell einvernehmlich beendet werden können. Oder man kommt im Gespräch auf ganz andere Aspekte dieses Vergleichs zu sprechen. Das würde uns natürlich sehr interessieren!


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